„i [don’t] believe in sex“

folgender text ist eine antwort_ergänzung auf den text „i don’t believe in sex – über das konstrukt „sex“ und grenzüberschreitungen“ von riot trrrans*. hier wird ganz viel fehlen und einiges könnte ich noch um einiges weiter ausführen, aber vielleicht mache ich das ein andermal.

das gefühl, kompromisse eingehen zu müssen oder noch deutlicher ausgedrückt: grenzüberschreitungen zuzulassen, nicht nein zu sagen, nicht so sex haben zu können wie ich es wirklich möchte oder nicht keinen zu haben weil ich das so möchte. das war sehr lange zeit ziemlich selbstverständlich für mich.
erst langsam lerne ich überhaupt meine eigenen grenzen kennen und lerne, mich dafür nicht zu bewerten. mich nicht als langweilig, komisch oder unfähig zu empfinden weil ich grenzen habe und weil ich manche dinge mag die im gesellschaftlich vorgesehenen sex-katalog (für lesben) nicht vorgesehen sind und weil ich manche dinge nicht mag die darin vorgesehen sind.
sondern eben herauszufinden was ich wirklich will. und was ich wirklich nicht will. was mir spaß macht und womit ich mich wohl fühle.
und dass alles bei und mit dem ich mich nicht wohlfühle, dann auch kein thema sein sollte.
das problem sind ja schon die ganzen pakete an vorstellungen / vor_vermutungen, wie sex in welcher reihenfolge abzulaufen hat, dass ein unbedingter austausch von körperlicher nähe in einer ganz bestimmten art und weise, zwischen mindestens zwei personen mit ganz bestimmten körpern abzulaufen hat.
bei mir führte das dazu, dass ich eigentlich immer ein gewisses unwohlsein hatte, sagen wir, ab einem gewissen grad von intimität. immer einen ganz bestimmten (leistungs-)druck gespürt habe. etwas angst, angst etwas falsch zu machen – falsch im sinne von peinlich. im sinne von langweilig. im sinne von: nicht so im paket vorgesehen.
versteht mich nicht falsch, ich hatte viel spaß schon und sehr gute erfahrungen. aber wenn ich zurückdenke, hat mich diese angst und diese verunsicherung und dieser druck (fast) immer begleitet. und das ist doch ganz schön scheisse!

ich glaube da spielen sehr viele faktoren mit rein: unwohlsein_unsicherheiten mit dem eigenen körper, die von riot trrrans* geschilderten kompromisse, die ein loslassen oder entspannen kaum möglich machen. weil es eben kompromisse sind.
weil darüber nicht geredet wird, weil das erwartungspaket meist einfach bestehen bleibt, nicht dekonstruiert wird.
reden über das was wir wirklich wollen ist tabuisiert.
treffen personen aufeinander, die beide oder die alle von sexismus betroffen sind, scheint mir die wahrscheinlichkeit dass es beiden_allen schwer fällt über bedürfnisse_grenzen_erfahrungen zu sprechen besonders hoch. was ja strukturell auch irgendwie nicht verwunderlich ist. die möglichkeit dass die beteiligten personen gewalterfahrungen gemacht haben steigt auch und damit die notwendigkeit damit umzugehen. am besten nicht alleine, sondern gemeinsam und mit den menschen mit denen körperliche nähe geteilt werden möchte.

dazu müss(t)en aber erstmal die pakete weg. aufschnüren, anschauen, wegwerfen. bei null anfangen. schon mal versucht wirklich bei null anzufangen? ohne jegliche ideen und erwartungen? das ist ganz schön toll. damit meine ich nicht behaupten zu können dass ich meine sozialisation und meine erfahrungen und gelernten erwartungen einfach abschalten kann. aber ich kann mir diese bewusst machen soweit mir das gelingt. und dann versuchen sie beiseite zu legen und raum zu schaffen für das, was wirklich meine bedürfnisse – und die anderer – sind.
erstmal überhaupt nicht davon auszugehen dass sex (oder das was sich meist darunter vorgestellt wird) überhaupt eine rolle spielen muss_sollte. beziehungen umzugestalten und neu gestalten. nach den jeweiligen bedürfnissen der beteiligten personen. mit dem grundsatz: absoluter konsens. von nichts einfach ausgehen. mit meinen erwartungen bei null anfangen.
sich mal zu fragen: warum denke ich dass sex so und so und so aussehen muss? wie genau denke ich soll das alles aussehen? was davon mag ich denn wirklich?
wieso soll ich mich eigentlich jedes mal ausziehen (lassen) wollen? wieso soll ich eigentlich irgendein „ziel“ verfolgen mit vorher nicht abgesprochenen, nicht mal groß drüber nachgedachten schritten?
was davon macht mir angst? was macht mich unsicher und wobei fühle ich mich nicht gut? und warum?
und wenn ich mich unwohl fühle, was hat das dann in einer zwischenmenschlichen begegnung zu suchen in der es darum gehen sollte dass sich alle beteiligten gut fühlen?

ich kann die wut und die frustration die im text steckt sehr gut nachvollziehen. ich weiß mittlerweile dass es mir möglich ist diese angst zu verlieren und der frustration und den schlechten erfahrungen etwas entgegenzusetzen, auch wenn das manchmal ganz schön anstrengend ist. und natürlich braucht das personen, mit denen ich reden kann und die ähnliche gedanken haben und lust haben, sich auf das anstrengende einzulassen. was dann ganz schnell gar nicht mehr so anstrengend ist. oder jedenfalls ein gutes anstrengend.
zu versuchen, der sozialisation und der internalisierten kackscheisse und den tabus ein wenig und mehr zu entrinnen und w_orte zu finden, sich absoluten konsens als grundvoraussetzung für alles zu setzen. personen kennenzulernen, die das auch so sehen. den mut zu finden zu sprechen und ab_zu_sprechen und wertzuschätzen. auch wenn mal worte fehlen und die vielleicht holpern oder total schwer fallen.
wenn das schwer fallen und das holpern eingeordnet und wertgeschätzt wird, ist das schon gar nicht mehr so schwer.
das beste gefühl ist allerdings die abwesenheit von erwartungsdruck und die abgesprochene abwesenheit von festgelegten abläufen. also die abwesenheit dieser schweren, erdrückenden pakete, die kompromisse erzwingen und grenzüberschreitungen fördern und unwohlsein herbeiführen.
wenn über verunsicherung gesprochen werden kann und klar ist, dass diese unsicherheiten vom gegenüber nicht abgewertet sondern gerade eben wertgeschätzt werden, dann kann das für mich sehr viel verunsicherung kleiner machen oder es kann ein umgang damit gefunden werden, der mir diesen punkt des verkrampfens vor unwohlsein und angst und grenzüberschreitung wegnehmen kann.

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zu viel wut. zu viel last. zu viel davon.

dieser text hat viele jahre gebraucht, geschrieben habe ich das meiste an zwei tagen. angefangen habe ich schon vor einigen monaten, dafür gekämpft viele jahre, gespräche, gedanken, schmerzen jeden tag seit ungefähr zwei jahren.
seit knapp zwei wochen versuche ich ihn zu veröffentlichen.
das war gar nicht so einfach. neben pragmatischen überlegungen darüber, was die konsequenzen einer veröffentlichung sein könnten (wer liest das alles? wer erkennt mich darin wieder? wie gehe ich damit um?) kamen dazu noch all die selbstzweifel. ist das hier ein text der für irgendwen überhaupt relevanz hat? oder ist das nur selbstbeweihräucherung und ein öffentlicher tagebucheintrag den ich mir auch hätte ersparen können? glaube ich mir eigentlich selbst?
der ständige kampf darum, mir selbst zu glauben wird wohl nicht so schnell aufhören. zu tief stecken internalisierte rape culture, sexismus und psychogedöns.
ich kann diesen text, der mir so sehr wichtig ist, nicht unter meinem namen veröffentlichen. zu persönlich, zu riskant, zu viel risiko dass leute mitlesen, von denen ich nicht will dass sie das wissen, was ich aufgeschrieben habe. ich bitte also von öffentlichen überlegungen, wer hinter diesem blog und diesem text stecken mag abzusehen.

ich schreibe über meine erfahrungen mit sexualisierter gewalt und den folgen dieser und ich schreibe über sexistische gewalt. Ich benutze wenige gewaltvolle wörter, weil ich sie selbst nicht ausschreiben kann oder nur sehr schwer, ich beschreibe keine details. manchmal schreibe ich statt einem wort nur einen punkt.

seit längerem schon ist mein alltag kampf. mein leben aus den angeln, nichts fühlt sich wie vorher an. panikattackenflashbackstraurigkeitimmermüdeseinwirklichimmerstumpffühlenkontrollverlustangst-vorkontrollverlustzuvielkontrolleimmerangespanntseinnichtweinenkönnentagelangweinenstumpfseinleersein-nichtsmehrfühlenvielzuvielfühlenweggleitennichtmehrdasein.
irgendwann fing das alles an. manchmal bleibt unerträgliches davon wochenlang am stück. alles ist immer ein wenig da und wechselt sich ab. mal so mal so. anstrengend. seit knapp zwei jahren. vorher gab es auch schon vieles davon, aber unbemerkt oder unter der oberfläche steckend und konnte nicht raus. ich weiß noch dass ich irgendwann in der nacht meiner damaligen freundin etwas erzählte von m_einer gewalterfahrung und dass ich irgendwann an einem kurs teilnahm in dem es um selbstwahrnehmung_en ging. das beides hat das alles hervorkommen lassen.
jeder verdammter tag ist ein k(r)ampf. morgens damit aufwachen, nachts damit ins bett gehen. träume. gedanken. bilder. oder gar nicht erst einschlafen. niemals ruhe – niemals abschalten, niemals entspannen, immer angespannt sein. zusätzlich die attacken. schwitzende hände, rasendes herz, atemnot, die brust wird eng, der raum wird eng, verkleinert sich auf die größe des bereiches direkt um deinen körper herum. dann spaltet sich der körper ab, der raum verkleinert sich auf den kleinen bereich um deinen kopf herum. tunnel.
das erdrückende gefühl, das bei mir irgendwie wenig mit angst vor irgendetwas zu tun hat, das sich über die atmung legt, auf die brust legt, dir alles zusammenzieht. wenn die attacke vorbeigeht, geht sie gerne über die arme wieder raus. oder über den nacken, der immer an der gleichen stelle plötzlich ziept und zerrt und schmerzt. dann weißt du, dass es gleich vorbei ist und dass du ein wenig zeit hast, bis es weiter geht. vielleicht zehn minuten, eine stunde, einen tag, zwei wochen, nie länger.

in dem ruhigeren zeiten, die zum glück manchmal bis zu drei wochen anhalten ist das grundgefühl nicht mehr das panikgefühl, immer noch angespannt aber wesentlich aushaltbarer. dann gibt es „nur“ noch die einzelnen attacken. manchmal nur ganz kleine, die sind schon so gewohnheit geworden dass ich sie kaum noch bemerke. ein wenig schwitzende hände, ein wenig atemnot, ein wenig druck auf der brust, ein wenig herzklopfen. mittlerweile kenne ich viele strategien die bei so kleineren attacken ganz gut und schnell helfen. minzöl riechen, was scharfes essen. was ganz kaltes trinken, hände kneten, auf die beine schlagen, gegen etwas schlagen, etwas in der tasche suchen, gespräche weiterführen, gesprächen zuhören, auf irgendetwas konzentrieren, die weichen knie ignorieren. feste auftreten und vieles mehr.

dazu kommen abwechselnd phasen von entweder stumpfheit, gar nichts fühlen, leer fühlen, kein schmerzempfinden, kein irgendwas empfinden, was wiederum so viel empfinden ist dass es kaum aushaltbar ist, weil es gar nichts ist und doch so viel. oder überemotionalität. so viele emotionen dass es einfach nur noch weh tut, alles verschwimmt, alles überfordert, alles platt wälzt und wenn das zu viel wird, du einfach weggleitest, dich nicht mehr bewegen kannst, nicht mehr kommunizieren kannst, irgendwo anders bist, aber nicht in dir selbst. wo genau, weiß ich auch nicht.
traurig sein, wütend sein, verzweifelt sein – auch über die panik und alles was damit zusammenhängt. aber nicht weinen können, nicht schreien können, es nicht raus lassen können, festgestopft in der brust, in der Atmung, die so schwerfällt. jeden tag müde, immer müde, niemals wach fühlen.
weißt du wie es ist, immer müde zu sein? wirklich immer? ich nerve mich und andere, in dem ich ständig wiederhole wie müde ich bin, ich merke noch nicht mal mehr dass ich das ständig sage. Aber ich sage es, weil es so anstrengend ist, immer müde zu sein. seit jahren. (und nein, ich habe weder schilddrüse, noch diabetes, noch eisenmangel noch sonst etwas, ich habe mir oft gewünscht die ärztin würde mal was finden)
mal vor lauter wut und oder verzweiflung gegen die wand hauen, mal den arm zerkratzen, mal mit den fingern, mal mit der schere, mal was gegen die wand werfen, sich mal selbst ohrfeigen und nichts passiert.
tut ja auch nicht weh. oder soll genau so weh tun wie es grade soll.

dann plötzlich losweinen, weil das seminar in einen anderen raum verlegt wurde, du dich aber gerade zu diesem seminar so sehr zwingen musstest und eigentlich auch wolltest , weil so viele menschen in diesem kleinen raum gequetscht zusammen sitzen (müssen). das war das dann wieder für dieses semester. nicht mehr aufhören können, stundenlang, tagelang, alles wird beweint, scheinbar alles raus gelassen. ein kleines ziepen am arm tut so weh wie vorher nichts weh getan hat.

irgendwie mache ich trotzdem (fast) alles. Ich bleibe mal mehr mal weniger zuhause, aber ich verabrede mich, ich mache weiter sport, ich gehe was trinken, ich gehe tanzen und all das liebe ich und mache ich gerne und all das ist mir wichtig, ich arbeite, ich versuche so gut es geht in die uni zu gehen (auch wenn gerade das sehr erschwert wird. Immer wieder, durch viel zu volle seminare, in die ich nicht gehen kann. oder durch den zwang, ein referat zu halten, was ich auch kaum bis gar nicht schaffe). ich erledige irgendwie das, was zu erledigen ist, auch wenn es oft sehr spät passiert, aber wer kennt das nicht.
ich versuche mein gejammere über all das auf das gemeinsame jammern mit verschiedenen freun_dinnen zu verteilen, nicht nur eine volljammern. auch die anderen jammern lassen. ich schreibe jammern, weil ich mich selbst oft nicht mehr dabei ertragen kann. dabei finde ich es wichtig, dass ich endlich angefangen habe zu reden, dass ich nicht mehr alles nur mit mir selbst ausmache. dass ich zulasse dass es mir nicht gut geht und dass ich nicht aus angst davor, andere zu nerven nichts sage und auch nichts aufarbeite, mich mit nichts beschäftige, weil ich gar nicht weiß was war oder weil ich mir nicht erlaube dass es mir schlecht geht.
dabei ist es mir wichtig zu versuchen, leute nicht zu sehr zu belasten, nicht zu überfordern oder zuviel raum einzunehmen.
vor allem weil es so vielen um mich herum in irgendeiner form ähnlich geht. fast kein_er_m geht es gut, fast kei_ner ist ohne krise, ohne panik, ohne gewalterfahrungen, ohne irgendetwas von all dem.

eine kurze zeitlang wusste ich nicht wie mir geschieht. das alles schien mehr oder weniger aus dem nichts zu kommen, plötzlich aufzutauchen und einfach so nicht mehr aufzuhören. Eine kurze zeit nachdem das alles anfing sprach ich mit einer freundin über ihre (sexualisierten) gewalterfahrungen. sie fragte mich einmal: hast du auch so eine geschichte? ich sagte erstmal nein und dann ja. weil mir auf einmal erinnerungen kamen, die ganz lange weg gewesen waren, obwohl sie gleichzeitig immer da waren. ich hatte verdrängt und selbst wenn ich nicht immer alles verdrängt hatte, einen teil verdrängt und nicht mehr einordnen können. beziehungsweise immer, wenn ich mal ganz kurz richtig eingeordnet habe, ganz schnell danach wieder weggeschoben, aus dem kopf raus. oder sofort relativieren, mir selbst nicht glauben, denken ich übertreibe oder denke, ich will mich wichtig machen. internalisiertes victim-blaiming, internalisierte rape culture. internalisierte kackscheisse.

je mehr ich die erinnerungen zuließ_nicht_zulasse desto mehr wuchs die panik, mir fielen immer mehr muster an mir selbst auf, die ich schon lange mit mir trage, aber nie einordnen konnte. Mir wurde klar, wie oft ich nicht-konsensualen sex hatte, weil ich nicht wusste dass ich oft eigentlich abbrechen müsste_muss. Wie ich oft gar nicht anwesend war, aber einfach habe weiter machen lassen, weiter gemacht habe obwohl ich gar nicht mehr wirklich dabei war oder obwohl ich ganz bewusst nicht wollte, mich aber niemals getraut hätte stop zu sagen. Auch weil ich gleichzeitig einige erfahrungen gemacht habe, in denen mein anfängliches stop übergangen wurde.
mir wird immer mehr bewusst, wie das alles zusammenhängt. warum ich mich jahrelang immer wieder in situationen gebracht habe (und sehr selten noch bringe) bei denen mir vollkommen klar war, dass sie mir nicht gut tun, mir wieder weh tun, konsequenzen verschiedener art haben die mir schaden. ich bin trotzdem in all diese situationen hereingerannt, bewusst aber ohne kontrolle. ich wollte nicht aber konnte nicht anders, wollte nicht aber der wille hatte nicht die entscheidung über meine handlungen. dazu gehört zum beispiel dass ich ein paar jahre lang, so mit 13, 14, 15, 16 immer wieder gezwungen war (oft auch zusammen mit freundinnen, die es aber immer irgendwann schafften aufzuhören. ich nicht) in läden allerhand dinge zu klauen, die ich nicht brauchte. bergeweise. Ich wurde mehrfach erwischt, mehrfach von der polizei nachhause gebracht, musste ins jugendamt, vor gericht, musste sozialstunden ableisten. jedes mal wusste ich was passiert wenn ich weitermache, ich wollte das nie, ich konnte meinen eltern, dem richter, dem jugendamt nie erklären warum ich immer weiter machen musste. ich habe aber weitergemacht. Das sind solche situationen, in die ich rennen musste, ich hatte keinerlei kontrolle darüber.
heute weiß ich das, weil ich viel gelesen habe. Unter anderem das unkontrollierter ladendiebstahl gar nicht selten passiert bei kindern_jugendlichen die sexualisierte gewalt erfahren haben.

heute ist ein kleiner, sehr kleiner teil von mir erleichtert das zu wissen. weil ich eine erklärung für etwas habe, für das ich nie eine hatte. ich habe mich jahrelang schlecht gefühlt, geschämt, scheisse gefühlt, weil ich nicht erklären konnte was ich tue. weil mir jahrelang menschen eingeredet haben wie schlecht das sei was ich da tue. ich mich schrecklich verhalten habe, ich bestraft wurde für etwas, was ich nie in der hand hatte. aber wie willst du das erklären?
es ist nur ein kleiner teil der erleichtert ist. der rest von mir ist wütend und verletzt. wütend, weil ich meinen eltern, denen mein verhalten eine menge scheisse bereitet hat, nicht erklären kann was ich endlich weiß. ihnen nicht sagen kann dass ich nichts dafür konnte und mich nicht kontrollieren konnte. das ich NICHT SCHULD an meinem verhalten war.
ich kann ihnen nichts sagen weil der, der mich . hat im nahen umfeld meiner familie ist. wie das ja meistens ist. ich kann nichts sagen weil ich angst habe dass es zu einer konfrontation kommen könnte. oder weil ich nicht ertragen könnte dass meine eltern wissen was passiert ist, wer der täter ist. außerdem müsste ich mir dafür auch noch mehr glauben.
so ungefähr ab 14 fing ich auch an, regelmäßig in „begegnungen“ mit typen zu laufen von denen ich wusste dass diese übergriffig sein werden (die typen und die begegnungen). je erniedrigender desto schneller bin ich mitten rein gelaufen, immer in verbindung mit genug alkohol, damits leichter ging und eine legitimation da war. eine legitimation mir selbst die schuld zu geben und nicht den übergriffigen typen, einen rahmen, in dem ich mich scheisse wegen des alkohols fühlen konnte und die erniedrigenden situationen wegschieben konnte.

ich bin froh dass ich weder beziehungen mit typen führe, noch mehr mit ihnen sex habe, noch sie irgendeinen bezugsrahmen für mich oder irgendetwas in meinem leben darstellen. das heißt nicht, dass es nicht auch nicht konsensualen lesbischen* sex gibt. konsens hat fast keine_r einfach so mit der sozialisation gelernt bekommen. für mich ist es allerdings leichter meine grenzen zu erkennen und zu setzen. ganz abgesehen davon dass ich sex mit typen nie toll fand und eine zeitlang nur hingenommen habe, weil ich dachte, das gehört so oder um mich in die scheisse zu reiten. jetzt bin ich froh, dass ich konsens lerne, dass ich erfahre wie sich konsens anfühlt. dass ich lerne wie gut es sich anfühlen kann stop zu sagen und abzubrechen, wenn es mir zu viel wird und wie es sich anfühlt, wenn die person/en, mit der/denen ich (körperliche) nähe teile, bescheid weiß/wissen und es vollkommen klar ist, dass es gut ist, aufzuhören, wenn aufgehört werden muss.
das heißt alles leider auch nicht, dass heute alles klappt, so wie ich mir das vorstelle. seit dem ich meine grenzen beachte und erkenne, melden sich diese grenzen auch schneller, heftiger, verbinden mit triggern und flashbacks wenn ich pech habe.
ich habe immer noch momente, in denen ich mich danach fühle, auf die nächste party zu gehen, mich möglichst nah an den kontrollverlust zu trinken um dann in eine möglichst ungute situation zu rennen.
ob ich will oder nicht. Nur dass ich das mittlerweile merke und erkenne, was das bedürfnis mir schlechtes zu tun nicht mindert, aber mir wenigstens die möglichkeit gibt, mich zu zwingen das nicht zu tun.
bleibt auch, dass ich es immer noch schwer habe, (nur) sanfte berührungen zuzulassen. dass es oft einfacher ist wenn mir jemand (absichtlich oder unabsichtlich) weh tut. dass ich manchmal schnell das interesse verliere (ich glaube mittlerweile nicht mehr dass das wirklich interesse verlieren ist, sondern wegrennen) wenn mich eine nur wenig / sanft berührt. das ging nur mit einer person bisher, die ich so lange kenne und so vertraue dass es ging.
kommunikation habe ich nämlich auch dahingehend noch nicht genügend gelernt. zu sagen was ich will und wie ist unglaublich schwer. vor allem wenn das eigene begehren oft scheinbar all dem widerspricht was mir wichtig ist.
im grunde genommen weiß ich natürlich, dass sich all das nicht widerspricht. wenn das alles in einem abgesteckten rahmen passiert, konsensual, abgesprochen, gemeinsam widerspricht sich hier gar nichts. Ich weiß und erlebe dass das ein kanal sein kann, ich bin froh dass ich das weiß. es hilft mir nicht in den momenten in denen ich mich betrinke und kontrollverlust herbeiführe. es hilft mir aber dabei, diese situationen zu verringern und nicht so schnell entstehen zu lassen.

es hilft mir auch, dass ich menschen gefunden habe, mit denen ich über all das sprechen kann und die mir dadurch unglaublich viel erleichterung geschaffen haben, weil sie diese gefühle kennen und mich verstehen. und mit ihnen gemeinsam dann auch mögliche erklärungen besprochen werden können, die wiederum helfen, sich nicht so schlecht damit zu fühlen. eine davon ist, dass es eine (überlebens-)strategie ist, um die erlebte gewalt zu relativieren, sich selbst das gefühl zu geben, dass das gar nicht so schlimm sei, weil ich mir in anderen situationen die gewalt ja selber herbeiführe oder zufüge. die kontrolle darüber haben nichts kontrollieren zu können. oder so. wenn ich solche situationen selbst entscheide, dann habe ich das gefühl auch selbst dafür verantwortlich zu sein, schuldig zu sein. ich kann mir sagen dass ich über solche situationen immer die kontrolle gehabt habe, weil ich mich gerade selbst dazu entschieden habe. obwohl ich weiß dass das nicht so ist.

ich versuche mein inneres mit meinen politischen kämpfen zu vereinen, ich versuche durch gespräche, texte, gedanken, gespräche wege kennen zu lernen wie ich mit den folgen sexualisierter gewalt klar kommen kann, wie ich mit täglichem sexismus klar kommen kann. klar kommen. ich glaube das geht gar nicht, es geht nur sich strategien anzueignen, die einen umweg mit all der gewalt sein können, die betroffene von sexismus jeden tag erleben. Ich kenne kaum mehr eine, die keine sexualisierte_häusliche gewalterfahrung mit sich herum trägt.
ich versuche zu intervenieren, für mich selbst und für_mit andere_n. ich bin froh dass meine wut steigt, dass ich mich nicht für alles selbst verantwortlich mache, auch wenn das manchmal ziemlich schwer ist. zu wissen und zu fühlen das sind manchmal noch sehr große unterschiede.
meine wut steigt immer mehr und ins unermessliche. ich erfahre es selbst und um mich herum erfahren es so viele, wie ein teil des lebens einfach zerstört wird. Von typen, die gewalt ausüben. die vergewaltigen. die glotzen, die starren, die grinsen, die raum einnehmen, die raum weg nehmen, die anfassen, die schlagen, die nicht reflektieren, die nichts wahrnehmen, die keine verantwortung übernehmen, die verletzen, die nicht aus dem weg gehen, die angst machen, die übergriffig sind auf alle nicht_erdenkbaren arten.
ich versuche mir nicht meine räume nehmen zu lassen, versuche mich zu wehren, ich werde laut, ich schimpfe, ich beschimpfe typen die gegen wände pissen, ich interveniere wenn wieder mal einer sein t-shirt auszieht.
all das tue ich, aber gleichzeitig muss ich mir räume nehmen lassen, ich gehe nicht so oft raus, gehe nur in räume von denen ich weiß, dass sie fast typenfrei sind. gleichzeitig habe ich angst nachts auf der straße, es macht mir angst in einem ubahn-abteil mit nur leuten zu sitzen, die ich als typen wahrnehme. ich fühle mich bedroht – ausgründen. ich fühle mich zurecht bedroht, auch wenn grade niemand mir etwas tut. ich bin schreckhaft – ausgründen, ich brauche bestimmte sicherheiten – ausgründen. wer mir jetzt mit so einer scheisse kommen will, dass ich ja nur so sensibel bin weil ich mich zu viel (??!!) mit sexismus und gewalt auseinandersetze, dem_der sei gesagt: verpiss dich.
ich kann mir (meistens) nicht aussuchen mich nicht mit gewalt zu beschäftigen, weil ich sie erlebt habe_erlebe. natürlich bin ich sensibler und aufmerksamer als noch vor ein paar jahren. das ist aber kein grund mir das vorzuwerfen oder dem feminismus oder kein grund weniger feministisch zu handeln. Im gegenteil. Je mehr du dich mit (struktureller) gewalt auseinandersetzt, desto mehr wird sie dir bewusst, aber auch: desto mehr schlägt die dominanz zurück, die (strukturelle) gewalt. Je mehr du dich dagegenstemmst, desto härter wird sie zurückschlagen. In form von dynamiken, von abwehr, von noch mehr gewalt.
meine wut ist dir zuviel? ja. ich habe gewaltphantasien, ich habe hass in mir, viel. Und wut, so viel wut dass ich nicht weiß wohin damit, weil ich nie gelernt habe zu schreien, zu schlagen, raus_loszulassen.
ich bin wütend, weil ich ständig panikattacken habe, weil ich angst habe, weil ich mich leer fühle oder verwirrt oder nicht alltagsfähig, ich bin wütend weil ich nicht einfach auf eine getränkekarte gucken kann ohne angst haben zu müssen dass mich da gleich ein getränkename triggert und ich für kurze zeit weggebeamt werde und nichts mehr um mich herum mitbekomme außer angst und den tunnel um mich herum. es fällt mir schwer leute braunen schnaps trinken zu sehen, ich kann keinen hasendraht sehen, ohne wegzugleiten.
ich bin wütend weil dieser scheiss typ, dieser täter in ruhe sein leben leben kann ohne sich jemals mit seiner gewalt mir gegenüber auseinandersetzen zu müssen, dass ich immer mal wieder plötzlich mit seinem facebook-profil konfrontiert bin, welches ich nicht blocken kann. Weil ich nicht in der lage bin auf diese seite zu gehen. ich kann auch kei_nen andere_n fragen, weil ich dann einen namen preisgeben müsste. Weil dann andere ein gesicht hätten. Weil mir das soviel scham bereitet kann ich es nicht tun. Weil ich andere nicht mit reinziehen will, dieses gesicht und diesen namen zu kennen, kann ich das nicht tun. Also kann ich nur hoffen, dass mir das profil nicht allzu oft begegnet.

ich bin so unglaublich wütend weil all das was ich hier beschreibe so viele menschen um mich herum betrifft. WEIL DAS SYSTEM HAT. die ähnliche erfahrungen machen mussten, die alle so viel kämpfen müssen jeden tag. die jeden tag diskutieren, texte schreiben, arbeiten, sich mit dieser gesamtscheisse auseinandersetzen (müssen), die dann auch noch scheisse bezahlt werden, die therapie machen müssen, weil ihnen sonst nichts mehr einfällt, tabletten schlucken müssen, weil sonst grade nicht mehr geht.
ich bin wütend weil ich nicht mehr schlafen kann, weil ich deswegen tabletten nehmen muss, die mir schrecklich reale träume verursachen, aus denen ich kaum mehr rauskomme. Ich bin wütend weil mir die folgen sexistischer_sexualisierter gewalt mein leben so sehr erschweren. Weil ich es kaum schaffe die uni abzuschließen, weil ich es kaum schaffe aufzustehen an manchen tagen, weil sich nur so langsam was ändert, obwohl ich mich jeden tag mit den inneren chaos auseinandersetze und wege suche. weil ich nicht einfach sitzen bleibe sondern jeden tag wieder aufstehe und weiter laufe. Weil ich das ja auch will!
und dann bist du wieder versehentlich raus gegangen, hast die angst bekämpft und die schwere auf der brust und das gedankenchaos und dich rausgetragen trotz der erschlagenen müdigkeit und dann gehst du auf die straße und ein typ fasst dich an, glotzt dich an, beschimpft dich, droht dir, wenn du was entgegenhältst.

menschen die täglich kackscheisse ausgesetzt sind, die wenig oder keinen platz in öffentlichen räumen haben, menschen die täglich verletzt werden und gewaltvoll daran gehindert werden ihr leben zu leben wie sie es verdient haben.
diese unglaublich tollen menschen kennen fast alle in irgendeiner form panikattacken, kennen trauma und die folgen davon, kennen depressionen, kennen angst, haben gewalterfahrungen gemacht und müssen damit umgehen (lernen). ich bin diesen menschen jeden tag dankbar, sie schenken mir einschätzungen, w_orte, gedanken, vertrauen, unterstützung.
seit ich mich getraut habe zu reden und zu verstehen und nicht alles nur mit mir selbst auszumachen und durch panikattacken und wiederkehrende erinnerungen gezwungen bin und mich dazu entschieden habe mich mit all dem auseinanderzusetzen, habe ich auch mehr mit vielen um mich herum gesprochen, noch ein wenig mehr hingeschaut und vor allem auch mehr verstanden, mehr wiedererkannt.
in diesen vielen, so wichtigen gesprächen aus denen ich so viel mitnehme, durch die ich so viel lerne, die mich immer neu berühren, empowern, aufwühlen. die mir momentan alles bedeuten und für die ich so so dankbar bin.es geht es fast immer um gewalterfahrungen und es geht um das tägliche gewaltvolle erleben von kackscheisse.